Kunst als wiederverzauberte Magie? – Zur Theurgie digitaler Medien

Die Wunderkammern sozialer Medien sind an Kuriositäten nicht arm. Dass sie sich auch als Hinterzimmer für Verschwörungen und Beschwörungen aller Art eignen, gehört dabei zu den verunglückten Verheißungen ihres emanzipatorischen Potentials von ehemals. Die soziale Medialisierung dient heute, so scheint es, vor allem als Treiber für ‚Esoterik‘ im Wortsinn, für eine Abkehr von einer geteilten transparenten Öffentlichkeit hin zu nicht selten zwielichtigen Krypto-Öffentlichkeiten von mal mehr, mal weniger politischen Influencern und ihren Followern. Esoterisch scheinen unsere neuen Leitmedien aber nicht zuletzt auch in der geläufigen Bedeutung, dass sie Gurutum, Okkultismus und Spiritismus eine Plattform bieten. So beobachtet man derzeit ein Trenden von Hashtags wie #witchtok und #witchcraft, die Anleihen bei Harry Potter oder anderen einschlägigen Popkulturphänomenen machen, sich jedoch in einer wesentlichen Hinsicht von herkömmlichem Fandom unterscheiden: Hier tauscht sich eine wachsende Community ernsthaft und beflissen über Zauberpraktiken, Beschwörungsrituale oder Runenkunde aus, bezeichnen sich junge Frauen als professionelle Hexen oder buchen alte Männer Wochenendseminare in Schamanismus. Matthias Pöhlmann sieht darin ein Phänomen, das schon seit 1980er Jahren „wellenförmig“ auftaucht und heute „durch die sozialen Medien wieder Auftrieb erhalten“[1] habe. Nun könnte man dieses Phänomen als bloße Verlängerung des Esoterikregals jeder schlechtsortierten Bahnhofsbuchhandlung ins Digitale werten, doch scheint hier noch etwas anderes im Spiel, schon der schieren Menge wegen. Nach Pöhlmann geht es dabei „sehr stark um das Thema Selbstermächtigung“, darum, „sein eigener Priester“[2] zu sein, und auch andere Forscher im Feld wie Victoria Hegner pflichten dem bei: „So wie ich mich verändere, so verändere ich die Welt. Der Pfad führt immer von innen nach außen. Also: Ich muss mich ändern und dann kann ich die Welt verändern.“[3]


[1] Laurens Greschat: Die Welt ist ein Hexenwerk, in: FAS 39 (29.9.2024), 11.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

Zum Text