Religio Digitalis: Das Unberechenbare im Zeitalter der Berechnung

Hinter der scheinbaren Rationalität digitaler Technologien verbergen sich uralte religiöse Denkfiguren. Die Tagung geht der These nach, dass das Digitale Religion nicht verdrängt, sondern deren Grundstrukturen im medientechnischen Gewand oft unerkannt fortschreibt. Schon in zentralen Begriffen der Medientheorie schwingen theologische Motive mit: der „Entzug“ des Medialen, spiritistische Konnotationen des Medienbegriffs selbst, Transsubstantiationsvorstellungen oder die an adamitische bzw. kabbalistische Sprachvorstellungen erinnernde Idee, algorithmische Sprache „tue“, was sie sage, statt bloß zu bedeuten.

Digitalität und Religion erweisen sich damit als tief verflochten statt als Gegensätze. Wissen und Glauben als Sinnstiftung werden zunehmend durch Berechnung, Algorithmen, Statistik und Prognoseverfahren ersetzt und beerben damit uralte Divinationstechniken. KI und Dateninfrastrukturen aktualisieren posthumane Jenseitsvorstellungen und verleihen dem Rechnen eine quasi-demiurgische Rolle. Mediale Infrastrukturen werden dabei zugleich Heilsinstrument und Gegenstand der Verehrung. Und die Deregulierungspolitik großer Technologiekonzerne lässt sich als Apologie neuer Regierungstechnologien lesen. Zu dieser digitalen Theokratie zählt auch die Heiligsprechung männlicher Tech-CEOs – von Thiel über Musk bis Altman –, die medial als archaische Apokalyptiker inszeniert werden. Die undurchsichtigen Protokolle und Nutzungsbedingungen von Plattformen fungieren dabei wie ein Arkanum, ihre algorithmischen Mechanismen wie ein Sanctum, während unklar bleibt, welche neuen Ritualordnungen digitale Praktiken wie Scrollen, Liken oder Prompten eigentlich begründen.

Die Tagung knüpft an religiöse Motive in der Medientheorie an – von Wieners Kybernetik über den Dispositiv-Begriff bis zu Benjamin, McLuhan und Peters – und fragt, was religiöse Traditionen als kritischer Erinnerungsdienst gegen algorithmische Rationalität ins Feld führen können: das Inkommensurable, Nicht-Berechenbare.

Da „Religion“ selbst eine historisch belastete, westlich-christlich geprägte Kategorie ist, diskutieren wir „religio ohne Religion“ im Digitalen. „Religio digitalis“ bezeichnet damit eine Kippfigur: Sie treibt westlichen Rationalismus voran und verdeckt zugleich dessen religiöse Vorannahmen. Ist Digitalisierung eine Fortsetzung der Säkularisierung oder selbst religiös grundiert? An der Schnittstelle von Medientheorie, Ästhetik und Religionswissenschaft sollen Praktiken, Konzepte, Protokolle und Medienästhetiken diskutiert werden, die dem Digitalen sein Widerständiges, Inkommensurables zurückgeben.

Die Tagung ist die dritte Veranstaltung einer dreiteiligen Serie zum Thema „Wozu (heute) noch Medienphilosophie?“ und fragt nach der Zukunft der Medienphilosophie, neuen Konzepten, Praktiken und Perspektiven. Die Tagung ist eine Kooperation zwischen der AG Medienphilosophie mit dem Media Lab für digitale Souveränität (MLDS), dem Institut für künstlerische Forschung (IKF) der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und dem Brandenburgischen Zentrum für Medienwissenschaften (ZeM).

Bitte nutzen Sie dieses Formular für die Anmeldung zur Veranstaltung: https://formulare.filmuniversitaet.de/formular/nTG-bm4-vVI

Programm

Mittwoch, 07. Oktober 26

17.00 – 17.30 Uhr
Willkommen und Einführung
Dr. Johannes Bennke (Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF)

17.30 – 18.30 Uhr
Large Language Kabbala
Prof. Dr. Martin Warnke (Leuphana Universität Lüneburg)

18.30 – 19.30 Uhr
Algorithmen und Rituale: Spuren religiöser Praktiken in digitalen Kulturen
Dr. Katerina Krtilova (Akademie der bildenden Künste Wien)

19.30 Uhr
Apéro

Donnerstag, 08. Oktober 26

09.30 – 10.15 Uhr
Viralität im Mittelalter oder die Radikalität der Ekstase. Religiöse und künstlerische Praktiken der körperlichen Selbstermächtigung
Prof. Dr. Mirjam Schaub (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg)

10.15 – 11.00 Uhr
Propheten des Schweigens. Kunst und Ideologie im Streit um die Zukunft
Dr. Marie von Heyl (Universität der Künste Berlin)

11.00 – 11.45 Uhr
„Mein Name ist Legion“. KI und Dämonologie
Prof. Dr. Daniel Illger (Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder)

11.45 – 13.00 Uhr
Mittagspause

13.00 – 13.45 Uhr
Warum und wozu spielen religiöse Figuren eine medientheoretische Rolle. Eine kritische Selbstreflexion meiner Medienphilosophie im Ausgang von dem Botenmodell
Prof. Dr. Sybille Krämer (Leuphana Universität Lüneburg)

13.45 – 14.30 Uhr
Kaffeepause

14.30 – 15.00 Uhr
Live Stream
Alexander Walmsley (Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF)

15.00 – 15.30 Uhr
Becoming River
Prof. Daniel Fetzner (Hochschule Offenburg)

15.30 – 15.45 Uhr
Kaffeepause

15.45 – 16.30 Uhr
Spielerische Spiritualität. Über Game Design als Theurgie
PD Dr. Florian Arnold (Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart)

16.30 – 17.15 Uhr
AD OMNIA. ChatGPT, Claude, Google et al. oder die creatio ex nihilo made in Silicon Valley
Prof. Dr. Thomas Hensel (Hochschule Pforzheim)

18.00 Uhr
Gemeines Abendessen

Freitag, 9. Oktober 26

09.30 – 10.15 Uhr
„Im Anfang war das Protokoll“ — Theologische Isomorphismen zum medientheoretischen Protokollbegriff anhand alttestamentlicher Denkfiguren
Dr. Anjarasoa Rakotomanga (Universität Luxemburg)

10.15 – 11.00 Uhr
Datenapophänie und Pansemiotismus: Eine neue Lesbarkeit der Welt?
Prof. Dr. Markus Rautzenberg (Folkwang Universität der Künste Essen)

11.00 – 11.45 Uhr
Was ist digitaler Enthusiasmus?
PD Dr. Bernd Bösel (Universität Potsdam/Universität Siegen)

11.45 – 13.00 Uhr
Mittagspause

13.00 – 13.45 Uhr
Rahmung ohne Verschließung. Ästhetische Praxis, das Messianische und das Unberechenbare bei Walter Benjamin
Heinz-Günter Weber (Freiberufliche Tätigkeit)

13.45 – 14.30 Uhr
Progression in den Abgrund: Horror-Seefahrtsspiele zwischen Berechnung und Unberechenbarkeit
Sebastian R. Richter (Universität Regensburg)

14.30 – 14.45 Uhr
Kaffeepause

14.45 – 15.15 Uhr
Abschlussdiskussion

Organisator:innen

Dr. Johannes Bennke (MLDS, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF)
Prof. Dr. Markus Rautzenberg (Folkwang Universität der Künste Essen)
Prof. Dr. Mirjam Schaub (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg)
Dr. Juliane Schiffers (IKF, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF)
Dr. Michael Ufer (ZeM)

Zur Website